Tagungsbericht: Mobile Learning Day 2017

Beim Mobile Learning Day 2017 ging es um die Frage, was die Digitalisierung in der Zukunft bringen wird. In der Bildung und in der Arbeitswelt werden sich weitreichende Veränderungen ergeben. Um herauszufinden welche das sein könnten, hatte das Lehrgebiet Bildungstheorie und Medienpädagogik von Prof. Dr. Claudia de Witt eingeladen. Die e-KOO war beim FEdTechLab in den Pausen mit dabei.

Es konnte der Eindruck gewonnen werden, dass die beiden Keynotes das Thema Digitalisierung der Bildung aus entgegengesetzten Blickwinkeln beleuchteten. Während Prof. Dr. Christoph Igel vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in seinen Beispielen einen sehr technischen Standpunkt einnahm, stellte Prof. Dr. Kerstin Mayrberger von der Universität Hamburg die Eigenständigkeit von Lernenden in dem Mittelpunkt. Dies war eine interessante Reflexion der Zweiteilung in der Diskussion um Digitalisierung. Es konnte der Eindruck entstehen, dass die KI-Forschung die Künstliche Intelligenz als Steuerungsinstrument sieht, dass die Autonomie der Lernenden bis zu einem gewissen Maß aufhebt, während die Mediendidaktik gerade die Autonomie betont.

Künstliche Intelligenz als Unterstützung oder Bevormundung?

Professor Igel kam gleich am Anfang seines Vortrags darauf zu sprechen, dass die KI-Forschung in Deutschland einen schweren Stand hat, da teilweise heftig über die Konsequenzen diskutiert wird. Der Autor dieses Artikels maßt sich nicht an zu behaupten, alle Details der Diskussion und deren Grundlagen in der Forschung zu kennen. Beim Anschauen der Bespiele, die Professor Igel aus seiner Forschungsabteilung zeigte, konnte man aber eine Ahnung bekommen, warum die Künstliche Intelligenz durchaus kritisch gesehen werden kann. Im beruflichen Umfeld wird KI genutzt, um z.B. über Apps oder Datenbrillen Arbeiter*innen zu zeigen, welche Arbeitsschritte sie an einer Maschine auszuführen haben. Folgendes Video zeigt die Funktionsweise der App APPsist.

Das grundsätzliche Ziel der Assistenz und der Weiterentwicklung durch Wissensaufbau sind durchaus positiv. Allerdings kann man sich ohne große Mühe auch Szenarien vorstellen, in denen die Technik missbräuchlich genutzt wird. Wenn nämlich jeder Arbeitsschritt vorgegeben werden kann und nur noch ohne großes Nachdenken ausgeführt werden muss, dann werden auch nicht unbedingt gut ausgebildete Facharbeiter*innen benötigt. Es genügt, schlecht ausgebildete und damit auch billigere Arbeiter*innen einzusetzen. Vielleicht ist dieser Blick zu pessimistisch, aber viel Fantasie ist dabei nicht nötig.

Problematischer war aber ein anderes Beispiel, dass Professor Igel zeigte. An einer Grundschule in Shanghai werden die Schülerinnen und Schüler mit einer Software getrackt, die ihre Emotionen erkennen kann. Das Bild von dem Aufbau des Klassenzimmers erinnerte an Unterricht im Deutschland der 50er Jahre. 40 Schülerinnen und Schüler saßen an Zweiertischen in Reihen geordnet. Um jedes Gesicht war ein grüner Kasten zu sehen. Die KI erkennt die Emotionen und schlägt dann eine Aktivität vor, die individuell zur Situation des jeweiligen Kindes passt. Bis hierhin kann man das Projekt noch neutral sehen. Sicherlich ist es ein großer Vorteil für den Lernprozess, wenn eine passende Lernaktivität für eine gegebene Situation vorgeschlagen wird. Der Einsatz der Software endet hier aber noch nicht. Lernstatus und Lernerfolg werden nicht nur dem Kind und der Lehrperson im Klassenraum übermittelt, sondern auch an die Schulleitung und die Eltern. Der Schritt zur Kontrolle ist damit vollzogen. Bei der Vorstellung des Beispiels ging dann auch ein Raunen durch den Saal. In Deutschland wäre so ein Projekt an einer Grundschule momentan noch undenkbar. In Anbetracht der vielen Artikel über Helikoptereltern ist jedoch nicht sicher, ob dies nicht doch ein realistisches Szenario für die Zukunft ist.

Partizipation und Student Engagement

Als Kontrapunkt zum Vortrag von Professor Igel wirkte dann die Keynote von Professorin Mayrberger. Sie referierte zu “Partizipation und Student Engagement als Kontextbedingung für die Gestaltung von Mobile Learning”. Ihr Interesse galt dabei den Potentialen des Mobile Learning sowohl für die stärkere Einbindung von konkreten sinnhaften Kontexten, in denen das Lernen stattfindet, als auch die Betonung und die Aktivierung des einzelnen lernenden Subjekts. Voraussetzung dafür, so Mayrberger, ist das, was Dominik Petko 2014 so treffend zusammengefasst hat:

Insgesamt ergibt sich der wenig überraschende Befund, dass die häufige Nutzung von digitalen Medien für sich genommen nicht automatisch zu besseren Lernleistungen führt. Stattdessen kommt es darauf an, wie sie eingesetzt werden. Zur Planung und Beurteilung dieser Qualität müssen lerntheoretische und didaktische und nicht primär technische Überlegungen die zentrale Rolle spielen. – Dominik Petko, Einführung in die Mediendidaktik

Ein ganz zentraler Punkt ist für Mayrberger dabei die soziale Komponente. Durch partizipative Ansätze können Lernende in soziale Kontexte eingebunden werden, die sie nicht als Einzelne im Lernprozess zurücklassen, sondern in denen sie durch ein lernendes Miteinander einen besseren Lernerfolg haben. Partizipatives Lernen kann von vielen als großen Eingriff in die traditionellen Strukturen wahrgenommen werden. Nach Mayrberger zeichnet sich Partizipation besonders durch die Begriffe Selbstbestimmung, Mitbestimmung und Mitwirkung aus. Dabei ist Selbstbestimmung der stärkste Grad an Partizipation. Lernende bestimmen den Lernprozess selbst und werden durch Lehrende dabei “nur” unterstützt. Bei der Mitbestimmung werden die Lernenden eingebunden und können aus bestimmten Vorgaben der Lehrenden auswählen. Schließlich ist bei der “schwächsten” Form der Mitwirkung der Schwerpunkt auf eine indirekte Einflussnahme, zum Beispiel durch Feedback oder Evaluation, gesetzt. In den USA gibt es bereits mit dem National Survey of Student Engagement ein Messinstrument, das Colleges nach Maßnahmen listet, die die Identifikation und die Partizipation von Studierenden erhöht.

Es sollte noch einmal herausgestellt werden, dass die aktivierende Einbindung von Lernenden in den Gesamtkontext “Hochschule” auch einen fördernden Einfluss auf den Lernprozess hat. Der Vortrag von Professorin Mayrberger kann auf der Seite mit allen Beiträge des Mobile Learning Day abgerufen werden.

Die e-KOO auf dem #mld2017

Leider blieb zu den übrigen Vorträgen zu wenig Zeit, denn auch die e-KOO konnte sich auf dem Mobile Learning Day präsentieren. Wir boten die Möglichkeit, zu Lernvideos einige Szenarien mit Apps auszuprobieren, sich an einem E-Screen kreativ zu betätigen und sich über die Lerngruppenfinder-App zu informieren, die bald zur Verfügung stehen wird. Wir bedanken uns bei den Interessierten am Stand für die vielen anregenden Gespräche!


Kommentar IconKontrolle oder Partizipation?

Wir laden Sie ein, in den Kommentaren mit uns über diesen Beitrag zu diskutieren? Wie sehen Sie die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz im Bereich der Bildung? Setzen Sie schon partizipative Formen in Ihren Lehrveranstaltungen um? Könnten Sie sich das vorstellen? Wir sind gespannt auf Ihre Beiträge!

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