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Positive Erlebnisse schaffen und einen echten Mehrwert für die Zeit nach Corona – Interview mit Dr. Barbara Getto

Positive Erlebnisse schaffen und einen echten Mehrwert für die Zeit nach Corona – Interview mit Dr. Barbara Getto

Portraitfoto Barbara Getto
Foto: Aylin Reckermann

Dr. Barbara Getto vertritt seit dem 15. April 2020 das Lehrgebiet für Mediendidaktik an der FernUniversität in Hagen. Die ausgewiesene Expertin für Veränderungsprozesse in Bildungsorganisationen im Kontext der Digitalisierung hat verschiedene Hochschulentwicklungsprojekte für die Entwicklung und Implementierung digitaler Lehre begleitet und wissenschaftlich beraten. Wir haben den Anlass genutzt und ein kurzes Interview zur aktuellen Situation an den Hochschulen und den Folgen geführt.

(Die Interviewerin und Frau Dr. Getto haben früher gemeinsam am Lehrstuhl für Mediendidaktik und Wissensmanagement der Universität Duisburg-Essen gearbeitet und sind daher per du.)

Tanja Adamus:
Du hast jetzt mitten in der Corona-Zeit eine Lehrstuhlvertretung an der FernUniversität in Hagen übernommen. Wie war der Start und welche Herausforderung bringt die aktuelle Situation mit sich?

Barbara Getto:
Ich hatte trotz der Umstände einen guten Start. Mein erster Arbeitstag war am 15. April. Mitten im Lockdown. Ich  habe mich dann mit den Mitarbeitenden des Lehrgebiets direkt zu einem Online-Kennenlernen verabredet. Das hat gut funktioniert. Klar, war das auch erstmal ein merkwürdiges Gefühl, einen neuen Job zu beginnen und dabei im Home-Office zu bleiben. Aber von der Arbeitsorganisation her hat es trotzdem sehr gut funktioniert. Ich bin es gewohnt über digitale Medien mit anderen zusammenzuarbeiten, und bin an der FernUni auf ein nettes und engagiertes Team getroffen, das damit auch keine Probleme hat. Die hauptsächliche Herausforderung stellte eigentlich nur die Frage dar, wie ich an mein Passwort komme, das in einem Brief für mich im Postfach am Campus lag. 🙂

Allgemein nehme ich die Situation aber schon als große Herausforderung für alle war. Die meisten von uns haben durch die Pandemiemaßnahmen Zusatzaufgaben unter erschwerten Bedingungen zu bewältigen: Lehre und Prüfungen wollen gemäß aktueller Regelungen (re-)organisiert werden, es stellt sich außerdem die Frage, wie wir in der aktuellen Situation mit Forschungsvorhaben umgehen. Da sind wir als Bildungswissenschaftlerinnen ja auch auf die Interaktion mit dem Feld – also mit den Bildungseinrichtungen — angewiesen … und dabei sind alle gefühlt acht Stunden täglich in Videokonferenzen, betreuen vielleicht „nebenbei“ noch Kinder, usw.

Tanja Adamus:
Du forscht vor allem zu Veränderungen durch Digitalisierung im Hinblick auf Hochschulen als Organisation. Wie nimmst Du vor diesem Hintergrund die momentane Situation dort wahr?

Barbara Getto:
Hochschulen sind besondere Organisationen, wenn es um die Frage des Change Managements geht. Veränderungsprozesse werden diskursiv entwickelt und betrieben. Maßnahmen der Steuerung sind nur bedingt wirksam. Die akademische Freiheit ist der heilige Gral der deutschen Hochschulen. Und die betrifft ja auch die Lehrfreiheit. Ich habe Untersuchungen gemacht zu der Frage, wie Veränderungsprozesse an Hochschulen im Kontext der Digitalisierung gestaltet und — unter den spezifischen Bedingungen — strategisch betrieben werden können. Bezüglich der Dissemination digitaler Lehre habe ich das in meiner Doktorarbeit untersucht. Ich untersuchte die Motivation Lehrender E-Learning einzusetzen, und die Möglichkeit durch Anreize zu einer stärkeren Verbreitung digitaler Lehre zu kommen. Das sind aktuell natürlich ganz andere Rahmenbedingungen. Aufgrund der Kontaktbeschränkungen bleibt Hochschullehrenden ja zur Zeit gar nichts anderes übrig, als ihre Lehrveranstaltungen mittels digitaler Medien durchzuführen. Das Veränderungstempo ist aktuell viel schneller und ich nehme auch wahr, dass gerade viel mehr einfach gemacht wird. Die Fragen verschieben sich durch die aktuelle Situation. Es geht weniger darum, strategisch Lehre mit digitalen Medien in die Breite zu bekommen, sondern darum schnelle Lösungen für alle bereitzustellen.

Tanja Adamus:
Aufgrund Deiner Erfahrungen als Leiterin der Geschäftstelle von e-learning-nrw und Peer-Beraterin für das Hochschulforum Digitalisierung: Was sind die größten Probleme, vor denen Hochschulen bei der jetzt erforderlichen großflächigen Einführung von digitaler Lehre stehen? Wo liegen auf der anderen Seite die größten Chancen?

Barbara Getto:
In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren hat sich an den Hochschulen viel getan im Bereich der Digitalisierung von Studium und Lehre. In vielen Projekten wurden Lehr-Lernszenarien mit digitalen Medien entwickelt und erprobt, es wurden entsprechende Kompetenzen entwickelt und Infrastrukturen für das E-Learning aufgebaut. Die Einführung digitaler Medien in der Lehre in der Breite blieb bislang aber tatsächlich aus. Viele Initiativen zur Förderung digitaler Hochschullehre blieben hinsichtlich ihrer Breitenwirkung hinter den Erwartungen zurück. Bis heute können wir keine flächendeckende Dissemination digitaler Medien in der Hochschullehre verzeichnen.

Mit der Digitalisierung sind große Hoffnungen, aber auch Ängste verbunden. Im Bildungsbereich wird ihr ein hohes Potenzial für die Verbesserung pädagogischer Praxis zugeschrieben. Digitale Technologien sind dabei natürlich kein Selbstzweck. Sie stellen neue Rahmenbedingungen für didaktisches Handeln und bieten Potenziale zur besseren Erreichung pädagogischer Ziele. Um die Potenziale nutzen zu können, müssen didaktische Fragen wieder stärker in den Vordergrund rücken. Aktuell setzen viele Hochschulen digitale Medien ein, um das durch die Pandemie bedingte Problem der räumlichen Distanz zu überbrücken. Damit geht aber noch keine Veränderung der Lehre einher.

Tanja Adamus:
In der jetzigen Situation musste vieles schnell umgesetzt werden, um den (verspäteten) Semesterstart zu ermöglichen. Das hat von Lehrenden und Studierenden Flexibilität und leider auch Ad-Hoc-Lösungen erfordert, die nicht alle immer optimal sind – sowohl didaktisch als auch technisch. Was ist Deiner Meinung nach erforderlich, um Lehrende und auch Studierende besser auf digitale Lehr-Lernszenarien vorzubereiten und sie bei deren Umsetzung zu unterstützen?

Barbara Getto:
Die Umsetzung der Lehre mit digitalen Medien, wird meines Erachtens immer noch viel zu stark aus einer technischen Sicht betrieben. Man versucht traditionelle Settings digital abzubilden. Das bedeutet in der Praxis dann zum Beispiel, dass 90 Minuten Vorlesung per Videokonferenz stattfinden – ohne Interaktion. Wer das einmal mitgemacht hat weiß, wie ermüdend (und frustrierend!) dieses Szenario für beide Seiten sein kann!

Ich denke, die große Herausforderung besteht weiterhin darin, Lehr-Lernszenarien mit digitalen Medien umzusetzen und dabei auch jetzt in dieser Situation didaktische Ziele im Fokus zu haben. Mehr Lernerzentrierung, mehr Taktung des Materials, mehr Gruppenarbeiten, mehr Kollaboration… Das lässt sich doch wunderbar mit digitalen Tools abbilden!

Mein Eindruck ist, dass es für Hochschulen hinreichend Unterstützungsangebote für die Umsetzung digitaler Lehr-Lernsettings gibt. Man kann sich informieren und vernetzen – wenn man will. Und die IT- und Medienzentren stellen derzeit ja noch mehr Möglichkeiten zu Verfügung als vor Corona. Das ist ja schon mal eine wichtige Voraussetzung.

Die Studierenden brauchen natürlich auch eine entsprechende technische Infrastruktur, um an den Angeboten teilhaben zu können. Und ich denke, es wird höchste Zeit, mal ernsthaft darüber ins Gespräch zu kommen, was studieren im digitalen Zeitalter heißt. Mein Eindruck ist, dass viele Studierende doch eher traditionelle Formate erwarten und sich in diesen auch sicherer fühlen. Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass digitale Formate von Studierenden einerseits nicht als gleichwertig zu Präsenzlehre angesehen werden, andererseits aber oft als aufwendiger empfunden werden. Da müssen wir für mehr Sicherheit sorgen. Transparenz über die Erwartungen, Vertrauen in die Technik und eine gute Kommunikation zwischen den Beteiligten sehe ich da als Schlüssel.

Tanja Adamus:
Viele Maßnahmen werden gerade ausschließlich aufgrund der Corona-Krise umgesetzt. Wo siehst Du Potenziale für nachhaltige Veränderungen? Was müsste getan werden, um diese langfristig zu verankern?

Barbara Getto:
Die Corona-Krise stellt uns alle vor große Herausforderungen. In dieser Phase machen wir aber auch neue Erfahrungen, bauen (wenn auch notgedrungen) neue Kompetenzen auf, wir sammeln neue Eindrücke und Perspektiven. Das wird uns als Individuen und als Gesellschaft nicht unverändert lassen. Ob Lehrende und Studierende mit den ad-hoc Lösungen unter den aktuell schwierigen Bedingungen gute Erfahrungen machen und was mittel- und langfristig übrig bleibt, wird sich zeigen.

Die technische Ausstattung, die in den letzten Wochen so deutlich ausgebaut wurde, wird uns z.B. erhalten bleiben. Potenziale für nachhaltige Verankerung sehe ich in der Planung des kommenden Wintersemesters. Das Sommersemester 2020 fing hektisch an und für viel Planung war da auch nicht Zeit. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir in den nächsten Monaten on-campus Lehrbetrieb haben werden. Also müssen wir uns Gedanken machen, über entsprechende Konzepte. Und zwar am besten nicht jede*r alleine für die eigene LV, sondern abgestimmt auf Ebene der Module, bzw. des gesamten Studiengangs mit Fokus auf didaktische Ziele. So können positive Erlebnisse geschaffen werden und ein echter Mehrwert entstehen, der auch nach Corona überzeugt.

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