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Agile Hochschullehre kritisch hinterfragt, Teil 1

Agile Hochschullehre kritisch hinterfragt, Teil 1

Screenshot Streitgespräch
Hatten beim „Streitgespräch“ anscheinend viel Spaß: Drei von der e-KOO. Screenshot: FernUniversität

In der Ausgabe 07/2020 der DUZ erschien ein Artikel von Ilona Arcaro und Anna Gähl von der TH Köln mit dem Titel „Mindset für Agile Lehre“. Der Artikel wurde in unserem Team kontrovers diskutiert, sodass wir uns entschlossen haben, eine Art „Streitgespräch“ dazu zu führen.

Beim Gespräch mit dabei waren Tanja Adamus, Nicole Engelhardt und Alexander Sperl. Während Nicole dem ganzen Bereich eher offen gegenübersteht, war Tanja eher skeptisch. Alexander nahm die Rolle des (manchmal nicht ganz) neutralen Beobachters oder Moderators ein. Der Beitrag stellt die teilweise angepasste Niederschrift des spontanen und deshalb nicht immer geschliffenen Gesprächs dar. Da die Niederschrift etwas umfangreicher geworden ist, haben wir uns entschieden, daraus drei Teile zu machen.

  1. Im ersten Teil (dieser hier) gibt es eine kurze Einführung, was es mit agiler Hochschullehre eigentlich auf sich hat, und den Einstieg in das Thema Agilität.
  2. Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Anwendung auf die Lehre.
  3. Im dritten Teil wird schließlich beleuchtet, wie das Thema innerhalb der Rahmenbedingungen der Hochschule umgesetzt werden kann.

Was ist das eigentlich, agile Hochschullehre?

Das Thema Agilität kommt aus der Software-Entwicklung, wo sich zu einem gewissen Zeitpunkt herauskristallisiert hat, dass schneller auf Veränderungsprozesse reagiert werden muss und dass die Planbarkeit in Projekten ein schwieriges Unterfangen sein kann. Durch agile Techniken wurde versucht, flexibler auf Bedarfe einzugehen und gleichzeitig trotzdem die Kontrolle über die Entwicklungsschritte zu behalten. Mittlerweile haben agile Techniken Einzug in viele andere Bereiche gehalten, in denen eine Unzufriedenheit mit zu starren Organisationsformen festgestellt werden konnte.

Die grundlegenden Merkmale von agilen Arbeitsweisen (in Unternehmen) sind vor allem:

  • grundlegend verändertes Mindset hin zu
    • Kundenorientierung und Marktanforderungen
    • schnellerem Reagieren auf Veränderungsprozesse
    • Wertschätzung von Mitarbeitenden
    • Offenheit und Bereitschaft zum Lernen
    • angepasster Fehlerkultur
  • entsprechend ausgerichteten Methoden wie z. B. SCRUM

Christof Arn hat diese Prinzipien für die Lehre in seinem Buch „Agile Hochschuldidaktik“ übersetzt. Er betont dabei die schnelle Reaktion von Lehrentscheidungen auf die Bedarfe der Lernenden. Seine wichtigsten Aussagen sind dabei (vgl. Arn 2020, S. 19ff):

  • Es geht um ein echtes Miteinander und echte Interaktion von Lehrenden und Lernenden auf Augenhöhe.
  • Didaktische Entscheidungen werden im Moment getroffen und nicht nur im Voraus.
  • Das Unplanbare hat einen besonderen Wert im Lehren bzw. Lernen.

Dabei liegt es ihm allerdings fern, die reine Agile Didaktik der vollständig vorgeplanten Didaktik gegenüberzustellen.

„Real existierender Unterricht wird also nie ein Entweder-oder, reine Präsenz-Didaktik oder reine Plan-Didaktik sein, sondern immer auf einem Kontinuum zwischen agiler Didaktik und Plan-Didaktik liegen – guter Unterricht umso mehr.“ (Arn 2020, S. 23)

Die Autorinnen des DUZ-Artikels betonen, dass die Adaption von Agilen Arbeitsweisen in der Hochschullehre vor allem bedeutet, dass

  • Studierende ihre Lernprozesse planen und die inhaltliche Schwerpunktsetzung vorgeben,
  • Lehrende ihren „Wissens-, Methoden- und Erfahrungsvorsprung als Ressource zur Verfügung“ (Arcora/Gähl 2020, S. 57) stellen,
  • die Planung von Lernprozessen durch Lernteams von Studierenden nach gängigen agilen Methoden stattfindet, und dass
  • regelmäßig in sogenannten Sprints festgehalten wird, wie der Stand der Dinge ist.

Für Studierende ist diese Herangehensweise gleichermaßen herausfordernd wie gewinnbringend.

„Flexibilität, Selbstorganisation und ein gemeinsamer Lernprozess aller Beteiligten auf Augenhöhe lässt Studierende konsequent selber entscheiden, wie sie die Learning Outcomes erreichen möchten und welche Lernwege sie dafür wählen.“ (Arcora/Gähl 2020, S. 58)

„Agile Lehre kann als Königsdisziplin bezeichnet werden, da alle Beteiligten ein hohes Maß an Verantwortung tragen und sich offen und flexibel in einen Prozess begeben, ohne das Ergebnis bereits zu kennen.“ (Arcora/Gähl 2020, S. 59)

Eine mögliche Methode zur konkreten Umsetzung agiler Prinzipien in der Hochschullehre haben wir in unserem Beitrag „eduScrum® – ein methodischer Ansatz für die Fernlehre?“ vorgestellt.

OK, und jetzt?

Nicole Engelhardt (NE): Bei dem Artikel lautet die Überschrift ja „Mindset für Agile Lehre“ und für mich ist es tatsächlich das, was Agilität ausmacht. Also nicht die einzelnen Methoden, die dahinterstehen, sondern die Haltung mit der agiert wird.

Tanja Adamus (TA): Das ist genau die Frage: Was ist agile Haltung? Ich kann ja mal erzählen, wie ich zum ersten Mal mit dem Begriff in Kontakt gekommen bin. Bei meiner früheren Stelle hatten wir unter anderem ein Projekt, das nach dem SCRUM-Prinzip gearbeitet hat und die hatten mich zu einem Kick-Off-Meeting eingeladen, wo die Methode vorgestellt wurde. Wir mussten uns in zwei Gruppen aufteilen und haben dann eine Aufgabe bekommen. Wir sollten einen Pausenraum gestalten. Es gab ganz viele Bedingungen für den Raum, Zimmerpflanzen sollten drin sein, usw. Wir haben uns im ersten Schritt irgendwie verzettelt, weil wir die vielen Bedingungen nicht unter einen Hut gebracht haben.

Im zweiten Schritt wurde dann nach der SCRUM-Methode vorgegangen, wir haben also kleinere Aufgaben bekommen, jemand war unser Auftraggeber und der hat uns zu jeder kleineren Aufgabe eine Rückmeldung gegeben. Wir haben schon gemerkt, dass das viel besser geht, weil sich alle erst einmal auf die kleinere Aufgabe konzentriert haben und die irgendwie besser zu schaffen waren. Wir saßen nicht ewig an einem Projekt, das vielleicht in die falsche Richtung läuft.

Allerdings ist der Vorteil der Methode, den ich da damals gesehen habe, auch eine Gefahr. Nämlich, dass man schnell in unwahrscheinlich viel Klein-Klein verfällt. Da frage ich mich manchmal, wie kann da der Überblick behalten werden. Diese ganzen Visualisierungen und Boards sind natürlich schön. Wenn dann etwas fertig ist, sieht man das sofort. Aber auf der anderen Seite frage ich mich auch, rutschen wir da nicht irgendwie in zu viel Kontrolle rein. Wenn ich höre, dass ich da jede Woche ein Stand-In oder ein Pitch fällig ist und ich muss mich schon wieder rechtfertigen und alles bis ins Kleinste erläutern, dann ist das eine Sache, die mir nicht behagt. Bei den Methoden ist ja auch der Zeitdruck oft ein Faktor, auch da muss ich sagen, dass mich das unglaublich unter Druck setzt. Ebenso der Begriff „Sprint“, dass ich da ganz schnell was durchziehen muss.

Ich frage mich, ob wir hier mit der Agilität nicht eine neue Kontrollinstanz schaffen und immer mehr Druck aufbauen, den wir eigentlich gar nicht haben wollen.

NE: Da waren jetzt sehr viele Aspekte drin und ich versuche das mal ein bisschen aufzudröseln. Was du jetzt vor allem erwähnt hast ist das Methodische. Das ist SCRUM, das sind die Visualisierungen usw. Das worauf ich eben aber schon abgezielt habe, das ist tatsächlich das Mindset. Ein Aspekt dabei ist es, in einem Team eine Vertrauensbasis zu schaffen. Wenn es in einem Team diese Vertrauensbasis nicht gibt, dann kann das durchaus passieren, dass sich einzelne Teammitglieder kontrolliert fühlen. Es müssen schon alle einen Mehrwert darin sehen, dass beispielsweise Projektfortschritte für alle visualisiert werden. Wenn dieses Vertrauen nicht da ist und dieser Mehrwert nicht gesehen wird, dann stimme ich dir zu, dass das nach hinten los gehen kann.

Deswegen ist es auch unfassbar wichtig, dass diese Methode nicht einfach so übergestülpt wird. Das ist aber bei anderen Methoden genauso.

Einer der Hintergründe bei agilen Ansätzen ist, dass unsere Welt immer komplexer wird und wir immer mehr in Situationen kommen, in denen Problemstellungen nur noch im Team gelöst werden können. Sowohl in der Schule als auch im Studium sollen wir ja für diese komplexer werdende Arbeitswelt fit gemacht werden. Im Team müssen wir dann etwas gemeinschaftlich lösen und da ist es am besten, wenn wir auf Augenhöhe miteinander interagieren. Es ist ein großer Unterschied, ob man hierarchisch arbeitet und eine Führungskraft sagt, du machst jetzt das und du machst das, oder ob man zusammen im Team agieren und aus dem Team heraus reflektieren kann, das funktioniert und das funktioniert nicht.


Soviel erst einmal zur Agilität allgemein. Wie lässt sich das Ganze nun auf die Lehre übertragen? Das wird im zweiten Teil beleuchtet.

Ein Gedanke zu “Agile Hochschullehre kritisch hinterfragt, Teil 1”

  1. Vielen Dank für den Einblick in euer „Streitgespräch“ 🙂 – ich finde das total spannend. Ich hatte zwar von Scrum noch nie etwas gehört, aber kenne aus der Automobilbranche bei Toyota das Verfahren, das schon lange angewandt wird und Teil des großen Erfolgs des Unternehmens ist, dass auch jeder Bandarbeiter das Band stoppen kann, wenn er aus seiner eigenen Erfahrung heraus einen „Fehler“ entdeckt hat. Der Respekt gegenüber denjenigen, die nicht unbedingt einen formalen Abschluss und entsprechende hierarchische Position haben, sondern ihre Kompetenzen u.a. durch informelles Lernen erworben haben, trägt m.E. zu einer demokratischeren Arbeitskultur bei.
    An der FernUni habe ich das in vielen Bereichen als gelebte Vorgehensweise erfahren, was sich einfach aus der Zusammensetzung der Studierendenschaft ergibt. Da viele neben ihren diversen Ausbildungen auch entsprechende Lebenserfahrung mitbringen, ist das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden ein gemeinschaftlicheres – jedenfalls besteht das Potenzial dafür.
    In anderen universitären Bereichen existiert die schärfere und hierarchische Trennung schon alleine auf Basis des Altersunterschied zwischen den zumeist sehr jungen Studierenden und eher älteren Lehrenden – und der Einstellung bei uns, dass Kinder und generell jüngere Menschen ja „dumm“ seien. Es wäre wohl langsam mal Zeit für mehr Dewey von der Grundschule an.
    Hoffe, ich höre noch mehr von euch, macht weiter so! Vielen Dank. Katja

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